Geschichte

Auf dem Gauss-Stierli-Areal, einem der letzten grossen Industrieareale in Zürich-Nord, steht eine über 120 Jahre alte Hallenland­schaft, die sich vom Gusswerk zur kreativen Zwischen­nutzung entwickelt hat und nun vor einer neuen Zukunft steht.

Das Gauss-Stierli-Areal in einer Luftaufnahme von 1928.
Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Luftaufnahme des Gauss-Stierli-Areals von 1928
Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Baugeschichte

Die Grundstücke der beiden Fabriken Gauss und Stierli befinden sich im Bereich der Bahnlinien der ehemaligen Nordostbahn und der Nationalbahn. Durch die Verknüpfung der beiden Bahnlinien im Jahr 1909 entstand ein dreieckiges Grundstück, das von der ehemaligen Fabrik von Wüst & Tague (später Stierli) eingenommen wurde. Durch die Trennung der beiden Bahngleise lag das Gauss-Areal etwas nördlich des Stierli-Areals.

Das Stierli-Areal wurde 1899 im Zusammenhang mit dem Bau der ersten Fabrikhalle von Conrad Ferdinand Kuhn-Kranz bebaut. Im Verlauf der Jahre erfolgten weitere An- und Umbauten durch verschiedene Architekten für unterschiedliche Nutzungen: Bereits 1907 erfolgte eine erste Erweiterung der Fabrikhalle deren Umgestaltung 1909 durch Adolf Asper. 1917 erfolgten eine nochmalige Erweiterung des Areals im Nordosten, ein Anbau auf der Südwestseite, welcher von Eduard Strebel als Schmiede konzipiert wurde. 1918 liess Eduard Strebel für die Aufzüge- und Räderfabrik Seebach das Portierhäuschen erbauen, welches den Eingangsbereich zum Areal bis heute definiert. In den Folgejahren wurde das Areal nach und nach in geringem Umfang umgebaut und technisch erweitert, bis es in den Jahren 1960/61, unter Leitung des Architekten Walter Niehus, zum Anbau einer neuen grossen Halle im Süden kam. Wieder erfolgten kleinere Umbauten und Anpassungen an die Nutzung.

Quelle: Protokoll Zürcher Stadtrat

Zwischen Bahntrassen und Stadt­strasse gelegen, eröffnet das Areal Raum für Kunst, Gewerbe und Stadtleben. Mit Blick auf die nächste Wandlung bleibt es ein Ort im Übergang – rau, charmant und voller Potenzial.

Als in der Fabrik noch produziert wurde: Gauss-Stierli-Areal Anfang letztes Jahrhundert.
Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Industrielle Nutzung

Schon früh zog die Giesserei Gauss ein, die unter anderem Gussdeckel herstellte und das Areal durch zusätzliche Gebäude erweiterte. 1910 übernahm die Seebacher Maschinenbau AG, ein Schweizer Unternehmen im Bereich Maschinenbau und Automobilherstellung, den Betrieb. 1912 führte Mathias Klüglein das bereits gegründete Unternehmen Aufzüge- und Räderfabrik Seebach (ARSAG) weiter. In den folgenden Jahren wurde es unter den Namen Maschinenbau AG beziehungsweise Seebacher Maschinenbau AG geführt. Der Firmensitz befand sich im Seebacher Gleisdreieck an der Schaffhauserstrasse 468 im heutigen Zürich.

Das Produktionsspektrum war breit und umfasste Aufzüge, Automotoren, Getriebe, Maschinengewehre, Munition sowie Seilbahnen. Ab 1918 begann die Firma mit der Herstellung von Automobilen unter dem Markennamen Seebacher. Die Konstruktion der in kleiner Stückzahl produzierten Tourenwagen wird dem Ingenieur Rudolf Egg zugeschrieben. Die Autoproduktion endete – je nach Quelle – 1921 oder 1924, nachdem nur einige Dutzend Fahrzeuge entstanden waren.

Immobilien­unternehmer Werner Hofmann, der neue Besitzer des Gauss-Stierli-Areals, macht die denkmal­geschützten Fabrikgebäude wieder der Öffentlichkeit zugänglich.

Produktion & Handwerk

In den 1960er-Jahren erhielt das Gauss-Stierli-Areal mit der von Walter Niehus erbauten Shedhalle seine heutige Form. Auf über 12’000 Quadratmetern war es einst ein Zentrum von Produktion und Handwerk. Nach dem Abzug der Industrie entdeckten in den 1990er-Jahren Künstlerinnen, Musikerinnen und Handwerker die leerstehenden Hallen für Ateliers und Proberäume – das Areal wurde zu einem lebendigen Ort kreativer Zwischennutzung.

2012 übernahm eine luxemburgische Immobiliengesellschaft das Gelände; die Stadt stellte die Haupthalle unter Denkmalschutz. Später belebte der Verein «Farben für Zürich» das Areal mit Street-Art, Ausstellungen und Konzerten. Ein geplanter Kunstcampus von Architekt Max Dudler wurde 2017 vorgestellt, jedoch nie realisiert.

Nun steht das Gelände erneut vor einem Neuanfang: Der neue Besitzer und Zürcher Immobilienunternehmer Werner Hofmann plant, das Areal öffentlich zugänglich zu machen und die historische Bausubstanz zu erhalten – als Ort, an dem Industriegeschichte und neue Ideen zusammenfinden.